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Interview mit Staatsministerin Michaela Kaniber: „Ihre Arbeit ist unverzichtbar – darauf können Sie stolz sein“

Interview mit Staatsministerin Michaela Kaniber

„Ihre Arbeit ist unverzichtbar – darauf können Sie stolz sein“

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber im Interview zu unserem Titelthema „Sicherung der Lebensmittelversorgung“ über Unabhängigkeit, Forschung und Innovation, verlässliche politische Rahmenbedingungen und die zentrale Rolle der Landwirtschaft.

Die Erzeugung von Lebensmitteln ist gesamtgesellschaftlich äußerst relevant, da sie für alle Menschen von existenzieller Bedeutung ist. Welche konkreten Maßnahmen plant das bayerische Landwirtschaftsministerium, um die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln auch unter zunehmenden Klima-, Energie- und Marktkrisen sowie geopolitischen Spannungen langfristig zu gewährleisten?

Michaela Kaniber: Dass wir sicher jederzeit Lebensmittel zur Verfügung haben, ist eine der existenziellsten Fragen und trotzdem fast völlig aus dem Blick geraten. Bis Corona und bis zum Kriegsbeginn in Europa. Wir dürfen den Fehler, den wir bei der Abhängigkeit vom Gas gemacht haben, bei unserem Essen auf keinen Fall nochmal wiederholen. Deshalb brauchen wir eine starke bayerische Landwirtschaft, mehr gesellschaftliche Wertschätzung für unsere Erzeugerinnen und Erzeuger und eine faire Wertschöpfung für regionale Produkte. Genauso wichtig sind Bildung, Beratung sowie Forschung und Innovation, damit unsere Betriebe mit modernem Wissen und neuer Technik in die Zukunft gehen können. Vor allem aber brauchen junge Menschen verlässliche Rahmenbedingungen. Sie übernehmen nur dann Höfe und investieren, wenn Politik Orientierung gibt, statt ständig neue Unsicherheiten zu schaffen. Wir müssen die Landwirtschaft entlasten und wieder Vertrauen ermöglichen. Was wir nicht brauchen: Entscheidungen in Brüssel, die unsere Produktion immer weiter erschweren oder einschränken. Unser Ziel bleibt eindeutig: Bayern, Deutschland und Europa sollen sich auch künftig aus eigener Kraft ernähren können.

Michaela Kaniber Foto: © Nadine Keilhofer/StMELF

Wie bereitet sich Ihr Ministerium auf mögliche Störungen der regionalen und nationalen Lieferketten vor?

Michaela Kaniber: Angesichts der weltpolitischen Unsicherheiten beschäftigt mich die Versorgungssicherheit jeden Tag. Im Staatsministerium arbeiten wir daran, wie wir mögliche Störungen regionaler und nationaler Lieferketten möglichst vermeiden oder frühzeitig abfedern können. Dafür ermitteln wir, welche Betriebe in Produktion, Verarbeitung und Handel für die Grundversorgung besonders wichtig sind – denn nur wer eine gute Faktenbasis hat, kann im Ernstfall schnell handeln. Wichtig ist mir auch, die Bevölkerung mitzunehmen: Wir werben für eine sinnvolle private Vorratshaltung, weil ein Drei-Tage-Vorrat – noch besser wäre ein Zehn-Tage-Vorrat – im Notfall wertvolle Zeit verschafft und Eigenverantwortung stärkt. Gleichzeitig bauen wir in allen zuständigen Behörden robuste Krisenstrukturen auf, richten Arbeitsstäbe ein und üben immer stärker mit anderen staatlichen Stellen. Mein Ziel ist klar: Bayern soll im Krisenfall handlungsfähig bleiben und seine Menschen zuverlässig versorgen. Und Krisen sind nicht nur der schlimmste Fall – das beginnt schon bei der Schneekatastrophe, der Überschwemmung oder einem Stromausfall.

Inwiefern kann die Forschung – z.B. durch HWST, TUM oder LfL – zur Sicherung der Lebensmittelversorgung in Bayern beitragen?

Michaela Kaniber: Forschung ist für mich einer der stärksten Hebel, um Bayerns Lebensmittelversorgung langfristig zu sichern. Einrichtungen wie HSWT, TUM und die LfL liefern dafür entscheidende Erkenntnisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette – und wir fördern diese Arbeit gezielt, weil Innovationskraft und Praxisnähe unsere Unabhängigkeit stärken. Im Fokus stehen Projekte, die unsere Betriebe widerstandsfähiger machen: klimaschonende Bewirtschaftung, wassersparende und erosionsmindernde Anbausysteme, resistente Pflanzen, gesunde Tiere oder effizientere Logistik. Gleichzeitig entwickeln wir neue Wege der Ernährung weiter – von alternativen Proteinen über Algenprodukte bis hin zu innovativen Anbaumethoden wie Vertical Farming. Das sind konkrete Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit: Ernährungssouveränität, Klimaschutz und attraktive Lebensmittel für die Verbraucher. Wie wichtig der Austausch zwischen Forschung und Praxis ist, zeigt unser Kompetenzzentrum für Ernährung: Ergebnisse fließen direkt in die Beratung ein, und aus den Betrieben kommen wertvolle Impulse zurück – ein echter Dialog auf Augenhöhe. Und trotz aller Innovation bleibt klar: Essen ist auch Heimat und Kultur. Tradition und Fortschritt gehören in Bayern zusammen. Wenn Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gemeinsam handeln, bleibt Bayern auch in Zukunft gut versorgt.

Welche Botschaft möchten Sie unseren Landwirten mitgeben, um ihnen mögliche Sorgen vor den Herausforderungen des aktuellen Weltgeschehens zu nehmen?

Michaela Kaniber: Ich weiß, wie groß die Sorgen vieler Landwirte angesichts globaler Krisen, steigender Kosten und Unsicherheit sind. Doch eines ist klar: Landwirtschaft wird heute mehr denn je gebraucht. Ihre Arbeit ist unverzichtbar – darauf können Sie stolz sein. Bayern kann sich auf seine Bäuerinnen und Bauern verlassen, und Sie können sich darauf verlassen, dass wir politisch fest an Ihrer Seite stehen. Was Sie jetzt brauchen, sind Verlässlichkeit, Vertrauen und faire Rahmenbedingungen. Dafür setze ich mich ein: für Planungssicherheit, klare Leitplanken und eine Politik, die zuhört und gemeinsam Lösungen entwickelt.

Haben Sie persönlich einen Krisenvorrat zuhause?

Michaela Kaniber: Ja, wie viele Familien in Bayern habe auch ich einen kleinen Vorrat zuhause – nicht wegen Panik, sondern aus Vernunft. Ein Grundstock an haltbaren Lebensmitteln gehört für mich zur normalen Vorsorge und zu einem guten Haushalt. Genauso wichtig wie ein privater Vorrat ist jedoch, dass wir insgesamt gut aufgestellt sind: mit einer starken heimischen Landwirtschaft, stabilen Versorgungsstrukturen und regionaler Produktion. Denn echte Sicherheit entsteht nicht im Keller, sondern auf unseren Höfen.

 

Jutta Maria Witte, Helen Fleckenstein

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