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Thema Regionalität – Interview mit Andreas Kaufmann, MdL

Thema Regionalität – Interview mit  Andreas Kaufmann, MdL

 

„Berufung heißt für mich: Das, was man tut, auch wirklich zu leben“

In Zeiten zunehmender Globalisierung und digitaler Vernetzung gewinnt die Frage nach regionaler Identität und Verantwortung eine besondere Bedeutung. Ein Politiker, der diese Themen nicht nur vertritt, sondern auch lebt, ist Andreas Kaufmann. Als Mitglied der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag setzt sich der Ostallgäuer für die Interessen seiner Heimat ein. Doch nicht nur in seiner politischen Funktion, auch privat pflegt er eine tiefe Verbundenheit zu seiner Region. In unserem Interview erfahren wir mehr darüber, wie er Regionalität in seinem politischen Engagement und in seinem persönlichen Leben verankert sieht, und welche Visionen er für die Zukunft Bayerns hat.

Andreas Kaufmann Foto: © Benedikt Siegert

Andreas Kaufmann, geboren und aufgewachsen im Ostallgäu, hat einen außergewöhnlichen Lebensweg eingeschlagen, der Tradition und Moderne auf bemerkenswerte Weise verbindet.

Nach dem Abitur entschied er sich für eine fundierte handwerkliche Ausbildung im elterlichen Metzgereibetrieb, wo er von 2003 bis 2005 die Metzgerlehre absolvierte und im Anschluss wertvolle Berufserfahrung sammelte. Es folgten 2007 die Meisterprüfung und 2008 der Betriebswirt im Handwerk – beide jeweils mit Staatsehrenpreis ausgezeichnet.

Als Prokurist im Familienunternehmen prägte er die strategische Weiterentwicklung und brachte internationale Perspektiven durch Beratertätigkeiten in Nordamerika ein. Seit 2023 engagiert er sich als Landtagsabgeordneter mit besonderem Fokus auf den ländlichen Raum, Handwerk, Ausbildung und die regionale Wertschöpfungskette. Kaufmann ist ein überzeugter Vertreter der regionalen Veredelung – tief verwurzelt in seiner Heimat und offen für zukunftsorientierte Lösungen.

Herr Kaufmann, Sie haben einen beeindruckenden Werdegang – vom Handwerksbetrieb bis in die Landespolitik. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie mehr als nur „einen Beruf“ ausüben wollen?

Schon in der Mittelstufe am Gymnasium Füssen habe ich mich für politische Zusammenhänge interessiert. Nach dem Abitur war mir schnell klar, dass ich mich vor Ort einbringen will – jedoch erst einmal nur kommunal. Der Entschluss mich darüber hinaus einbringen zu wollen, war dann ein längerer Prozess über viele Jahre. Ich habe mir gesagt: Wenn sich die Chance in meinen „Mittvierzigern“ einmal ergibt, dann will ich bereit sein – und das war ich im Herbst 2023. Seitdem bedeutet Landespolitik für mich gleichzeitig Freude – über die Möglichkeit direkt mitwirken zu können – und Demut – vor der Aufgabe, Politik für Bayern zu machen.

Was bedeutet für Sie persönlich „Berufung“ – und wie spiegelt sich das in Ihrer heutigen Arbeit im Landtag wider?

Berufung heißt für mich: Das, was man tut, auch wirklich zu leben. Ob im Beruf, im Privatleben, im Ehrenamt oder in der Politik – glaubwürdig wird es erst, wenn man mit Überzeugung und Haltung dahintersteht. Als Stimmkreisabgeordneter ist es mir wichtig, nicht nur über die Region zu reden, sondern in erster Linie für sie zu arbeiten – im direkten Austausch mit den Menschen, aber immer mit Blick auf das Ganze. So gern ich für die Interessen, Bedürfnisse und Anliegen des Ostallgäus und die Menschen hier einstehe, so sehr ist es manchmal geboten, in größeren Zusammenhängen zu denken.  

Die regionale Veredelungskette – also das bewusste Verarbeiten und Veredeln regionaler Produkte – ist in aller Munde. Warum ist Ihnen dieses Thema ein echtes Herzensanliegen?

Der Begriff „Regionale Veredelungskette“ greift eigentlich zu kurz – wir schaffen etwas noch Ganzheitlicheres: einen regionalen Kreislauf mit all seinen Vorteilen der regionalen Wertschöpfung. Gerade im Allgäu, wo diese Regionalität nicht nur als Begriff, sondern als Philosophie verstanden wird und gelebt werden kann, stehen wir damit – außer Frage – an der Spitze von dem, was wir eine wohnortnahe Nahversorgung nennen. Egal ob Milchkuh, Mais, Getreide oder Legehennen als Beispiele – all das, was wir täglich sehen und erleben können, kann so von uns auch konsumiert werden. Dieses Bewusstsein um die Wertschöpfung und Arbeit hinter dem, was auf unseren Tellern landet, zeichnet die Region, aber auch die Menschen aus.  

Wie können wir junge Menschen für die regionale Lebensmittelproduktion und -veredelung begeistern – jenseits von romantischen Heimatbildern?

Wir müssen jungen Menschen keine heile Welt vorspielen – denn die gibt es ja bereits! Vielmehr müssen wir ihnen zeigen und sie dafür begeistern, dass regionale Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung echte Perspektiven bieten. Es geht den jungen Menschen – trotz aller Klischees um Work-Life-Balance – in erster Linie um sinnvolle Arbeit, aber auch Verantwortung und Zukunftssicherheit. Das bietet die Branche bereits. Das müssen wir selbstbewusst nach außen tragen und sie mit eigener Begeisterung und Leidenschaft anstecken. Um noch attraktiver zu werden gilt es, die verlässlichen Rahmenbedingungen beizubehalten: Denn wer gute Lebensmittel produziert, soll auch gut davon leben können. Wenn all das klar wird, kommt die Begeisterung oft von selbst.

Sie haben internationale Erfahrung in Nordamerika gesammelt. Was können wir in Bayern von dort lernen – und wo sollten wir unseren eigenen Weg gehen?

In Nordamerika habe ich vor allem eines beobachtet: eine beeindruckende Kultur des Machens. Wer etwas wagt, bekommt Respekt – unabhängig vom Ergebnis. Denn Scheitern ist dort kein Makel, sondern ein Schritt auf dem Weg. Das dürfen wir insbesondere in Deutschland, aber auch in Bayern, ruhig öfter übernehmen. Gleichzeitig ist unsere Stärke, dass wir differenzierter hinschauen und mit unserem Motto „Leben und leben lassen“ als Bayern auf unserem ganz eigenen – und erfolgreichen – Weg weiter gehen werden.

In der Politik geht es oft um große Linien. Wie bringen Sie konkret regionale Handwerksinteressen und bäuerliche Strukturen auf die Landesebene?

Ich bin mit zwölf Jahren kommunalpolitischer Erfahrung ins Maximilianeum gegangen – als jemand, der das Leben auf dem Land, in Betrieben und Familien aus erster Hand kennt. Die großen Linien in der Politik dürfen nicht abstrakt bleiben. Sie müssen dort ankommen, wo die Menschen leben und arbeiten – in der Gemeinde, im Stall, in den Vereinen, im Betrieb.

Deshalb sehe ich meine Rolle ganz klar: Rückmeldung aus dem Alltag in den Landtag tragen – und umgekehrt erklären, was Entscheidungen in München und Berlin vor Ort bedeuten. Ich habe mir bewusst den direkten Draht zur Basis bewahrt. Nicht umsonst habe ich mich 2023 als „Mann aus der Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet – und genau diesen Erfahrungshorizont bringe ich seither ein. Heute weiß ich: Diese Perspektive wird gehört. Ich bekomme Rückfragen, werde zu Themen gezielt eingebunden und gestalte mit. So fließt echte Praxisnähe in Gesetzentwürfe und Anträge ein – und das wird auch in Zukunft mein Anspruch bleiben.

Was bedeutet für Sie persönlich „Qualität aus Bayern“? Ist es mehr als ein Label – vielleicht sogar ein kulturelles Bekenntnis?

Absolut. „Qualität aus Bayern“ ist für mich mehr als ein Etikett mit Wiedererkennungswert – es ist ein Bekenntnis zur Herkunft und Qualität, zu klaren Standards, hervorragendem Geschmack und zu Vertrauen zwischen Erzeuger und Verbraucher. Wenn dieses Zeichen draufsteht, weiß ich: Hier stecken echtes Handwerk, klare Herkunft und ein bewusster Umgang mit Ressourcen dahinter. Es ist gelebte Regionalität – nicht als Marketing, sondern als Haltung. Was will man mehr?

Franken hat beispielsweise seine Gelbwurst – das Allgäu steht auch für seine regionalen Köstlichkeiten. Wie wichtig sind solche kulinarischen Identitäten für den Zusammenhalt im Land? Was hat das Allgäu als Gegenstück zur Gelbwurst aus Franken zu bieten?

Regionale Spezialitäten sind weit mehr als nur gutes Essen – sie stiften Identität, bringen Menschen zusammen und erzählen etwas über ihre Herkunft. Ob ich in Bayern, Deutschland oder irgendwo auf der Welt unterwegs bin: Ich genieße regionale Küche bewusst. Denn wir alle kennen das Gefühl – der italienische Wein schmeckt am besten am Gardasee, das griechische Essen auf Kreta, das Schäufele in Franken. Und die besten Kässpatzen gibt’s eben im Allgäu! Als Metzgermeister schmerzt es mich natürlich ein wenig, dass unser kulinarisches Aushängeschild ausgerechnet fleischlos ist (lacht). Aber im Ernst: Wer vor Ort produziert, verarbeitet und genießt, stärkt regionale Wertschöpfungsketten – ganz konkret. Regionales Essen ist gelebte Heimat – und die kann man schmecken.

Andreas Kaufmann ist Metzgermeister und weiß, dass regionale Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung echte Perspektiven bieten. Foto: © Benedikt Siegert

Stellen Sie sich vor, Sie dürfen in zehn Jahren auf Ihre politische Arbeit zurückblicken – was möchten Sie bis dahin für die regionale Veredelung erreicht haben?

Ich wünsche mir, dass Erzeuger, die bewusst regional und tiergerecht arbeiten, auch in zehn Jahren noch wirtschaftlich erfolgreich sein können – ohne von Bürokratie, Preisverfall oder Meinungsmache ausgebremst zu werden. Im Gegenteil: Wir wollen bis dahin die Rahmenbedingungen verbessern – und mehr Wertschätzung von der Politik, aber auch von der Gesellschaft. Denn ohne regionale Veredelung bleibt „die Krone der Wertschöpfung“ auf der Strecke.

Das LKV Bayern spielt eine zentrale Rolle in der Einzeltierbetreuung, bei der Hilfestellung zur Erzeugung regionaler Lebensmittel, bei der Beratung und der Weiterentwicklung der Nutztierhaltung in Bayern. Wie schätzen Sie die Bedeutung unserer Selbsthilfeorganisation LKV Bayern für die Zukunft der Landwirtschaft ein – und wie kann die Politik unsere Leistungen gezielt zum Wohle unserer bayerischen Heimat, Erzeuger und Verbraucher unterstützen?

Das LKV ist ein zentraler Partner für unsere Landwirtschaft und hat quasi für alle Lebenslagen passend ein breites Angebot für unsere Landwirtinnen und Landwirte parat – gerade wenn es um die Weiterentwicklung der Nutztierhaltung geht, also Wirtschaftlichkeit und Tierwohl in Einklang zu bringen. Die Fachkompetenz, die Nähe zur Praxis und die Angebote in jeder Lebenslage sind unverzichtbar. Für mich ist klar: Wer Agrarpolitik gestalten will, muss auch das LKV an seiner Seite wissen. Es geht nicht nur um Reaktion, sondern insbesondere um vorausschauendes Handeln – und genau dabei liefert das LKV wertvolle Impulse. Die Politik muss diese Arbeit stärken und aktiv einbinden. Vielen Dank für die Expertise und das Gespräch.

Wir danken Ihnen recht herzlich für das Gespräch, Herr Kaufmann!

Helen Fleckenstein

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