Zehn Jahre „Operatives Rahmenziel Schweinemast“ in Bayern
Wie nährstoffangepasste Fütterung zur tragenden Säule moderner Schweineernährung wurde
Als 2015 das „Operative Rahmenziel Schweinemast“ startete, war das Ziel klar: Die Stickstoff (N)- und Phosphor (P)-reduzierte Fütterung sollte aus dem wissenschaftlichen Umfeld in die praktische Anwendung überführt werden – messbar, umsetzbar und breit verankert. Heute, zehn Jahre später, kann die Branche auf ein in Umfang und Datenqualität einzigartiges Praxisprojekt unter Federführung der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in enger Zusammenarbeit mit dem LKV Bayern e. V. und weiteren Partnern zurückblicken – mit Ergebnissen, die weit über Bayern hinaus Beachtung finden und Vorbildcharakter haben.
Emissionen aus der Tierhaltung – allen voran N und P – rücken zunehmend in den Fokus. Bereits 2015 wurde die Relevanz dieser Thematik richtig eingeschätzt, denn heute prägen Vorgaben wie die TA Luft, Düngeverordnung, Industrieemissionsrichtlinie oder auch der CO2-Fußabdruck den fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs und sind nicht mehr wegzudenken.
Im Mittelpunkt des Projekts stand daher die Frage, wie stark sich die Konzentration an Rohprotein (CP) und P in den Mastrationen von Schweinen nachhaltig absenken lässt, ohne dabei die Leistung der Tiere zu beeinträchtigen und gleichzeitig den gesetzlichen sowie gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Zudem sollte die Umsetzung ohne umfangreiche technische Investitionen realisierbar sein.
Die wissenschaftliche Basis dafür war längst gelegt: Zahlreiche Arbeiten belegen, dass nicht die absolute CP-Konzentration, sondern die bedarfsgerechte Versorgung mit essenziellen Aminosäuren (AA) am Dünndarm das Wachstum, die Nährstoffeffizienz und die Schlachtkörperqualität bestimmt. Die Absenkung der CP-Konzentration entlastet zudem den Stoffwechsel der Tiere: Weniger überschüssiger N muss energieaufwändig zu Harnstoff umgewandelt werden, wodurch die Ammoniakbildung (NH3) im Stall reduziert, und das Stallklima verbessert wird. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet der Einsatz höherwertiger Mineralfutter – mit erweiterter AA-Ausstattung und höherer Konzentration an freien AA.
Ähnliches gilt für P: Entscheidend ist nicht die Masse an P (Bruttokonzentration), sondern die „Klasse“ – also die Konzentration an verdaulichem und damit für das Tier tatsächlich nutzbarem P. Da pflanzlicher P überwiegend als Phytat vorliegt und Schweine diesen nur begrenzt verwerten können, ist der Einsatz mikrobieller Phytase ein zentraler Baustein. Das Enzym setzt Phytat-P für die Verdauung frei und erhöht deutlich seine Verfügbarkeit. Dadurch gelangen weniger P-Ausscheidungen in die Umwelt und wertvolle, endliche mineralische P-Ressourcen werden für zukünftige Generationen geschont.
Einzigartige Datenlage – dank LKV Bayern
Durch die Verknüpfung der Zifo2-Rationsberechnungen mit den RingmastSchwein-Auswertungen des LKV Bayern e. V. entstand eine Datengrundlage, die im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. Zwischen 2015 und 2025 wurden Daten von rund 1.400 beim LKV organisierten Betrieben und damit mehr als 30 Millionen Schweinen erfasst und ausgewertet – ein Jahrzehnt an kontinuierlicher Praxisbeobachtung.
Ergebnisse: deutliche Nährstoffabsenkung bei steigender Leistung
Die Auswertungen der Abbildungen 1 und 2 basieren auf einer Vielzahl von Praxisrationen. Der Zeitverlauf zeigt eindrucksvoll, dass die CP-Konzentration in der mittleren Mastration von 167 auf 148 g CP/kg Futter (88 % TM) sank – eine Reduktion um knapp 20 g CP/kg Futter bzw. rund 11 % (Abbildung 1). Auf Basis eines Literaturüberblicks von Sajeev et al. (2018), die eine Abnahme des NH3-Potenzials um 10 % je 10 g CP-Reduktion angeben, ergibt sich daraus eine rechnerische Minderung der NH3-Emissionen von etwa 20 %. Parallel dazu sank die P-Konzentration der Rationen von 4,8 auf 4,3 g P/kg Futter (Abbildung 2). Damit erfüllen die bayerischen Mastrationen heute im Mittel die Vorgaben des stark N-/P-reduzierten Fütterungsverfahrens nach DLG (2018).
Noch bedeutsamer ist, dass die Reduktion der Nährstoffkonzentration ohne negative Effekte auf die Mastleistung realisiert wurde. Die Daten der letzten zehn Jahre zeigen vielmehr eine kontinuierliche Steigerung der durchschnittlichen täglichen Zunahmen von 780 auf über 870 g/Tag (Abbildung 3). Der Muskelfleischanteil blieb stabil auf hohem Niveau und stieg leicht an (2015: 59,1 %, 2025: 59,7 %). Damit wird die häufig vertretene Meinung „Mehr CP = Mehr Muskelfleischanteil“ eindeutig mit praxisrelevanten Ergebnissen widerlegt. Die gezielte Versorgung der Tiere mit essenziellen AA (mittels freier AA) und der Einsatz mikrobieller Phytase senken den Nährstoffeinsatz und mindern die Umweltbelastung, während die Leistung erhalten bleibt – eine absolute Win-Win-Situation.
Ökonomische und ökologische Effekte
Auf Basis dieser einzigartigen Datengrundlage können auch die ökonomischen und ökologischen Vorteile klar sichtbar gemacht werden. Besonders hervorzuheben ist der reduzierte Einsatz von Sojaextraktionsschrot (SES). Vor der Verwendung von landnutzungsänderungs- und entwaldungsfreiem SES trug dieser stark zur Klimawirkung der Schweinefleischproduktion bei. Die reduzierte Umweltwirkung von aktuell eingesetztem SES kann in den bisherigen Berechnungen noch nicht adäquat abgebildet werden.
Modellkalkulationen unter Betrachtung der mittleren gewichteten Konzentration an CP zeigen, dass durch die präzise AA-Versorgung in Kombination mit einer stärker differenzierten Mehrphasenfütterung der SES-Anteil pro Mastschwein von 47 auf zirka 30 kg gesenkt werden konnte – eine Einsparung von 17 kg je Tier im Betrachtungszeitraum (Tabelle 1).
Gleichzeitig ergibt sich ein klarer ökonomischer Vorteil: Die deutlich reduzierte Menge an SES senkt spürbar die Futterkosten pro Mastschwein. Dem stehen zwar höhere Aufwendungen für höherwertigere Mineralfutter sowie moderate Mehrkosten durch den etwas höheren Getreideeinsatz gegenüber, insgesamt überwiegt jedoch der Einsparungseffekt. Unterm Strich ergibt sich nach Modellrechnung eine Nettokostenersparnis von gut 3 € pro Mastschwein im Vergleich zwischen Start und aktuellen Ergebnissen des Operativen Rahmenziels. Auf Stallebene (Beispiel: 1.000 Mastplätze, 2 % Verlustquote, 2,72 Durchgänge/Jahr) entspricht dies einem jährlichen Vorteil von ca. 8.000 € (Tabelle 2). Dabei ist zu berücksichtigen, dass positive Effekte auf die Tiergesundheit noch nicht monetär bewertet wurden – ein zusätzliches Plus.
Die Reduktion von SES verbessert zugleich den betrieblichen CO₂-Fußabdruck der zunehmend in die Betriebsbewertung einfließt (z. B. QS-Klimaplattform). Ein Großteil der Klimawirkung von SES entsteht in den vorgelagerten Bereichen – beim Anbau, der Verarbeitung und dem Transport. Diese so genannten Scope 3-Emissionen prägen maßgeblich den CO₂-Fußabdruck der Futterration sowie des tierischen Produkts. Die Modellrationen in Tabelle 1 zeigen eine Minderung der Treibhausgasemissionen (THG) von 4,3 auf 3,6 kg CO2-Äquivalenten (CO₂e) je kg Schlachtkörpergewicht – eine Reduktion von über 16 %. Dieser Effekt gewinnt zunehmend an Bedeutung – etwa bei Nachhaltigkeitszertifizierungen oder Lieferkettenanforderungen.
Ein weiterer Vorteil: Durch die präzise Versorgung mit essenziellen AA können mehr heimische Eiweißfuttermittel wie getoastete Sojabohnen, Raps- oder Sonnenblumenprodukte, Ackerbohnen oder Erbsen eingesetzt werden. Dies stärkt regionale Wertschöpfungsketten und erhöht die Unabhängigkeit von Importfuttermitteln.
Einordnung der Herkunft freier Aminosäuren
Häufig wird in diesem Zusammenhang der Import freier AA kritisch betrachtet. Tatsächlich stammen diese überwiegend aus Fernost und verursachen in der Produktion ebenfalls eine gewisse Klimawirkung. Entscheidend ist jedoch ihre sehr hohe Nährstoffkonzentration: Bereits geringe Mengen freier AA ermöglichen eine deutliche Absenkung der CP-Konzentration und ersetzen große Mengen SES – also den Rohstoff mit der höchsten spezifischen THG-Belastung. Insgesamt ist die Minderungswirkung der THG-Emissionen durch N-/P-reduzierte Fütterungsverfahren deutlich größer als die Klimabelastung, die durch die Produktion der freien AA verursacht wird.
Fazit: Eine Erfolgsgeschichte moderner Schweinemast
Die Ergebnisse aus zehn Jahren „Operatives Rahmenziel Schweinemast“ zeigen eindeutig: N- und P-reduzierte Fütterungsverfahren zählen zu den wirkungsvollsten Stellschrauben, um Leistung, Tiergesundheit sowie Umwelt- und Ressourcenschutz zu sichern. Gleichzeitig werden die Futterkosten spürbar gesenkt, was die betriebliche Wirtschaftlichkeit erhöht. Darüber hinaus leisten die Betriebe einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz und zum Image der Schweineproduktion.
Wie dieses Projekt beispielhaft bestätigt, braucht es für solche Erfolge klare Zielsetzungen, mess- und steuerbare Kennzahlen sowie das Engagement und den Mut aller Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
N-/P-reduzierte Fütterungsverfahren für Mastschweine sind heute ein zentraler Baustein moderner, effizienter und nachhaltiger Schweinehaltung.
Ein herzlicher Dank gilt allen, die mit ihrer Expertise, ihrem Einsatz und ihrer Überzeugungskraft maßgeblich zum Erfolg dieses wegweisenden Projekts beigetragen haben.
Katja Krebelder und Elisabeth Beckmüller, Institut für Tierhaltung, Tierernährung und Futterwirtschaft (ITF), Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Reinhard Puntigam, Fachhochschule Südwestfalen, Ernährung/Qualität tierischer Produkte, Stephan Schneider, Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU), Fakultät Agrarwirtschaft, Volkswirtschaft und Management
Exkurs: Stellungnahme
Einschätzung der Untergrenzen für Rohprotein und Phosphor in Schweinemastfütterung
Stellungnahme zur Einschätzung der Untergrenzen für Rohprotein und Phosphor in der Schweinemastfütterung – eine wichtige Fragestellung für die landwirtschaftliche Praxis – von unseren Autoren.
Wo liegt die Untergrenze beim Rohprotein (CP)?
Die Auswertungen des Operativen Rahmenziels verdeutlichen, dass bereits heute ein relevanter Teil bayerischer Schweinemastbetriebe deutlich unter der bislang in der konventionellen Praxis üblichen CP-Konzentration füttert: Rund 20 % der beteiligten Betriebe erreichen eine mittlere gewichtete CP-Konzentration von 136 g pro kg Futter (88 % TM) bei stabilen mittleren Körpermassezunahmen von über 860 g je Tier und Tag. Damit wird das sehr stark N-reduzierte Fütterungsverfahren laut DLG (≤ 144 g CP/kg) nicht nur bereits erfolgreich umgesetzt, sondern deutlich unterschritten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Betriebe die Frage, ob und in welchem Umfang die CP-Konzentration in den Mastrationen weiter abgesenkt werden kann. Ergebnisse aus Forschung und Praxis zeigen, dass bei optimalem Management und hohem Tiergesundheitsstatus auch niedrigere CP-Konzentrationen realisierbar sind. In gut geführten Betrieben lässt sich eine mittlere Konzentration von etwa 130 g CP/kg Futter (88 % TM) umsetzen. Das wohl größte Einsparpotenzial liegt in der Mast ab einer Körpermasse von 75 kg, da der Muskelansatz bzw. der Bedarf an Aminosäuren deutlich sinkt, während gleichzeitig die Futtermengen je Tier ansteigen.
Eine sehr deutliche Absenkung ist jedoch kein Selbstläufer und stellt hohe Anforderungen an das Fütterungsmanagement. Voraussetzung sind bedarfsgerecht formulierte Rationen, regelmäßig analysierte Einzelfuttermittel, eine konsequent umgesetzte Mehrphasenfütterung sowie der gezielte Einsatz hochwertiger Mineralfuttermittel oder Ergänzer. Neben Lysin, Methionin, Threonin, Tryptophan und Valin können bei sehr niedrigen CP-Niveaus auch Isoleucin und weitere Aminosäuren limitierend wirken. Eine mangelnde Kenntnis über die Nährstoffkonzentrationen der Futtermittel, schwankende Futterqualitäten oder ein unausgewogenes Aminosäurenverhältnis wirken sich dann schneller auf Leistung und Tiergesundheit aus.
Aktuell ist die Marktsituation für freie Aminosäuren entspannt, sodass diese vergleichsweise kostengünstig eingesetzt werden können und sich niedrige CP-Konzentrationen im Futter einfach umsetzen lassen. Weitere Absenkungen setzen jedoch eine verlässliche Verfügbarkeit freier Aminosäuren und stabile Preise voraus. Die Strafzölle auf Aminosäuren aus China im Jahr 2024 haben gezeigt, wie stark Deutschland in diesem Bereich von Importen abhängig ist.
Wo liegt die Untergrenze beim Phosphor (P)?
Auch beim P ist die Richtung klar: Ziel in der Praxis sollte es sein, das sehr stark P-reduzierte Fütterungsverfahren mit ≤ 4,1 g P/kg Futter im Mittel der Mast konsequent umzusetzen. Die Ergebnisse aus dem Operativen Rahmenziel zeigen, dass zahlreiche Betriebe diese Grenzen unterschreiten. Ihre Mastrationen enthalten im Mittel rund 3,8 g P/kg Futter – ohne Leistungseinbußen.
Diese Praxiserfahrungen werden durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt. Studien von Preißinger et al. (2021) zeigen, dass bei konsequentem Einsatz mikrobieller Phytase und einer sauber abgestimmten Rationsgestaltung ab der Mittelmast (ab ca. 60 kg Körpermasse) auf mineralischen P im Mineralfutter verzichtet werden kann. Leistung und Schlachtergebnis bleiben stabil, gleichzeitig lassen sich die P-Ausscheidungen um rund 25 % reduzieren.
Ein deutschlandweiter P-Ringversuch zeigte, dass bei unterschiedlichen Genetiken auch mit deutlich geringeren P-Konzentrationen im Futter von Ferkeln und Mastschweinen als von der DLG beschrieben keine Beeinträchtigungen der Tiergesundheit und Knochenstabilität auftraten.
Klar ist aber schon heute: Weitere Absenkungen setzen die Kenntnis der P-Verdaulichkeit, ausreichend Phytat-P in den Futtermitteln für eine verlässliche Phytasewirkung sowie eine angepasste Relation von Calcium zu verdaulichem P voraus. Kurz gesagt: Je niedriger die P-Konzentration, desto anspruchsvoller wird die Rationsgestaltung – und speziell für Eigenmischer ist das nicht immer einfach umzusetzen.
Fazit: Zielklarheit statt Grenzrekorde
Die Ergebnisse aus dem Operativen Rahmenziel zeigen klar: Die größten Effekte für Umwelt, Wirtschaftlichkeit, Leistung und gesellschaftliche Akzeptanz liegen nicht im Ausreizen theoretischer Minimalwerte, sondern in der breiten Umsetzung sehr stark N-/P-reduzierter Fütterungsverfahren in der Praxis.
Für die meisten Mastbetriebe gelten diese Zielwerte gut machbar und als sicher:
- ≤ 144 g CP/kg Futter
- ≤ 4,1 g P/kg Futter
Wer diese Werte erreicht, hält Leistung und Tiergesundheit stabil und senkt gleichzeitig Emissionen sowie Nährstoffausscheidungen deutlich. Betriebe, die weiter gehen möchten, können dies tun – sollten sich jedoch bewusst sein, dass der Erfolg in direktem Zusammenhang mit gesteigerter Präzision, Managementqualität und Wirtschaftlichkeit steht. Für Betriebe im Geltungsbereich der TA Luft kann insbesondere eine weitere Absenkung der N-Konzentration von Vorteil sein, da diese im Rahmen der Anforderungen der TA Luft berücksichtigt wird.
Damit wird klar: Die Untergrenze von CP und P ist kein fixer rechtlicher bzw. biologischer Wert, sondern eine bewusste betriebliche Entscheidung, die sorgfältig getroffen werden sollte.


