SINS – neue Erkenntnisse aus dem Projekt HeriSINS
Über fast drei Jahre wurden in Bayern mehr als 100.000 Bonituren bei Saugferkeln und Prüftieren durchgeführt. Nun konnte das Projekt HeriSINS der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) abgeschlossen und ausgewertet werden. Einige SINS-Merkmale bei Saugferkeln zeigten eine nennenswerte Erblichkeit. Auch Längenverluste erwiesen sich als erblich, aber es zeigte sich, dass Schwanzbeißgeschehen über eine Zuchtwertschätzung für SINS-Merkmale bei Saugferkeln züchterisch nicht bearbeitet werden kann. Auf der Basis der Ergebnisse des Projekts HeriSINS haben die Erzeugergemeinschaft und Züchtervereinigung für Zucht- und Hybridschweine w. V. (EGZH) und die beiden Besamungsstationen Bayern-Genetik GmbH und der Besamungsverein Neustadt an der Aisch e.V. (BVN) beschlossen, SINS-Merkmale bei Saugferkeln unter Tierwohl- und Gesundheitsaspekten in das bayerische Zuchtprogramm aufzunehmen.
Motivation und Ziele
Schwanzbeißen und Schwanzlängenverluste sind ein ernsthaftes Problem in der Schweinehaltung. SINS (Swine Inflammation and Necrosis Syndrome = Entzündungs- und Nekrosesyndrom beim Schwein) wird mit dem so genannten sekundären Schwanzbeißen in Verbindung gebracht. Die Hypothese lautet, dass durch die Minderdurchblutung des Schwanz- und Ohrgewebes ein Juckreiz entsteht, der eine Duldung des Verbeißens durch andere Schweine zur Folge hat. Da es sich bei SINS um ein komplexes Entzündungsgeschehen handelt, das den ganzen Körper mit einbezieht, muss man davon ausgehen, dass durch SINS das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigt ist. Als SINS-Zeichen gelten u. a. Borstenlosigkeit, Nekrose, Schwellung, Rötung und Exsudation, also bei Entzündungen und Gewebsverletzungen austretende Flüssigkeit. Aus bisherigen Untersuchungen ergaben sich Hinweise auf eine erbliche Komponente.
Das Projekt HeriSINS wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus finanziert und von Zucht und Besamung (EGZH, Bayern-Genetik, BVN) unterstützt. Folgende Fragen sollten durch das Projekt beantwortet werden:
- Wie hoch ist die Erblichkeit von SINS?
- Wie hoch ist die Erblichkeit von Schwanzverletzungen an Langschwanztieren?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen SINS in der frühen Jugend und Schwanzverletzungen in Aufzucht und Mast?
- Gibt es einen Zusammenhang zwischen SINS und Wachstums- sowie Qualitätsmerkmalen?
Züchterische Aspekte standen eindeutig im Vordergrund, d. h. es ging ausdrücklich nicht darum, Rassen oder Endprodukt-Herkünfte zu vergleichen. Auch ging es nicht darum, möglichen Ursachen für SINS auf den Grund zu gehen oder Strategien zur Reduzierung von SINS durch Fütterung oder Haltung zu entwickeln. Für das Projekt wurde die Infrastruktur der bayerischen Leistungsprüfung für Schweine genutzt. Dazu wurden im Vorlauf auf das Projekt in den Leistungsprüfanstalten bereits seit 2022 nur noch unkupierte Tiere geprüft. Es wurde eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, um das Auftreten von Schwanzverletzungen so gering wie möglich zu halten. Dazu zählten u.a. die Anpassung der Futterrationen, Ausstattung der Buchten mit Matten und Rohfaserspendern, Stallklima-Checks sowie Schulungen des Stallpersonals für das frühzeitige Erkennen von Schwanzbeißen.
Ablauf
Ab Herbst 2022 wurden interessierte Betriebe mit Unterstützung von BVN, Bayern-Genetik, Mitarbeitern der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und Ringberatern des LKV Bayern für die Teilnahme an dem Projekt gewonnen. Drei Herdbuchbetriebe und 16 Ferkelerzeugerbetriebe sagten ihre Teilnahme zu, darunter auch einige, die bis dahin noch keine Prüftiere erzeugt hatten. Die drei Zuchtbetriebe wurden von der EGZH unterstützt, die eine Person zur fachlichen Mitwirkung bei den Bonituren bereitstellte. Die Mitarbeit der Ferkelerzeugerbetriebe wurde direkt von den Besamungsstationen honoriert. Es ist hervorzuheben, dass kein Betriebsleiter die Mitarbeit in dem Projekt eingestellt hat, weil ihm der Aufwand zu groß war, oder weil er um die Biosicherheit besorgt war. Im letzten Projektjahr kamen noch einige Tierhalter hinzu, die an der Thematik interessiert waren.
Im Frühjahr 2023 begannen die Projektmitarbeiter mit den Bonituren, die bis November 2025 regelmäßig stattfanden. Die Betriebe wurden ihrem Produktionsrhythmus entsprechend zeitnah zu den Abferkelterminen besucht und die SINS-Merkmale an Schwänzen, Ohren, Klauen und Zitzen bei den Saugferkeln bewertet. Dabei wurde durch die Einbeziehung aller Ferkel im Wurf eine sehr breite Datenbasis geschaffen. Die für die Stationsprüfung in den beiden Leistungsprüfanstalten Grub und Schwarzenau ausgewählten Tiere (zwei je Wurf) wurden dann bei der Ankunft in den Quarantänestationen erneut bewertet, und es fand eine erste Bonitur auf Schwanzverletzungen statt. Weitere Bonituren folgten drei Wochen und sechs Wochen nach Einstallen. Etwa eine Woche nach der Umstallung aus der Quarantäne in die Prüfstationen sowie in der Endmastphase wurden weitere Bonituren durchgeführt. Die letzte Bonitur erfolgte in der Woche vor der Schlachtung, so dass die Prüftiere in der Regel siebenmal bonitiert wurden (einmal als Saugferkel, dreimal in der Aufzucht, dreimal in der Mast). Neben den SINS-Merkmalen und den Schwanzbonituren wurde das gesamte Spektrum an Leistungs- und Qualitätsmerkmalen erhoben, da es sich ja um reguläre Prüftiere handelte.
Mehr als 100.000 Bonituren
Bei den 26 Herdbuch- und Ferkelerzeugerbetrieben, die während der Projektlaufzeit durchgehend oder lediglich im letzten Jahr am Projekt beteiligt waren, wurden 648 Boniturtermine absolviert und dabei 73.000 Ferkel aus 6.180 Würfen auf SINS-Zeichen untersucht. Darüber hinaus wurden in den Leistungsprüfungsanstalten Grub und Schwarzenau an mehr als 8.000 Prüftieren zirka 21.000 Bonituren in der Aufzucht und rund 20.000 Bonituren in der Mast durchgeführt. Bei der Auswertung der Daten wurde zwischen Mastendprodukten mit einem Piétrain-Vater und Reinzucht- und Kreuzungstieren der Rassen Deutsches Edelschwein und Deutsche Landrasse unterschieden. Bei den Saugferkeln mit einem Piétrain-Vater gab es einen deutlich höheren Anteil an Exsudationen, Borstenlosigkeit und Schwellungen am Schwanz als bei den Mutterrassetieren (Tabelle 1). Allerdings ist dieser Vergleich wenig aussagekräftig, weil die Bonituren auf verschiedenen Betrieben (Ferkelerzeuger, Zuchtbetriebe) durchgeführt wurden. SINS-Merkmale sind nach unseren Ergebnissen keine Randerscheinung, sondern treten auf einer Vielzahl von Betrieben mit nennenswerter Häufigkeit auf. Es gab große Unterschiede zwischen den Betrieben, die aus den oben genannten Gründen aber nicht im Detail analysiert wurden. Am Merkmal Schwanzexsudation ist in Abbildung 1 dargestellt, dass sich die Häufigkeit des Merkmals in den beiden Beispielbetrieben über die gesamte Projektlaufzeit auf sehr unterschiedlichen Niveaus befand. Die Abbildung zeigt außerdem, dass es innerhalb des jeweiligen Betriebs von Monat zu Monat zu erheblichen Schwankungen im Auftreten der Schwanzexsudation kam – ein Resultat der wechselnden Umweltbedingungen und möglicherweise auch der eingesetzten Eber.
In den ersten Lebenstagen unterliegen die SINS-Merkmale einer erheblichen Dynamik (Abbildung 2): Während die Häufigkeit von Schwanzrötung sich vom ersten bis vierten Lebenstag nahezu halbierte, nahmen die Exsudationen am Schwanz kontinuierlich bis zum fünften Lebenstag zu. Die Ausprägung der SINS-Zeichen hing auch vom Gewicht der Ferkel, vom Geschlecht, von der Wurfgröße und von der Wurfnummer ab. Ferkel, die bei der Bonitur als schwer innerhalb des Wurfs eingeschätzt wurden, wiesen seltener eine Schwanzexsudation auf als mittelschwere oder leichte Ferkel. Dagegen traten Zitzenrötung und Kronsaumexsudation mit zunehmender Gewichtsklasse häufiger auf (Abbildung 3). Bei weiblichen Ferkeln wurden die Zitzenmerkmale Rötung, Schwellung, Schorf und Nekrose jeweils mindestens doppelt so häufig beobachtet wie bei männlichen Ferkeln.
In Aufzucht und Mast gab es mit Ausnahme der Borstenlosigkeit keine Unterschiede zwischen den Rassen. In der Aufzucht haben weniger als 10 % der Tiere Schwanzlängenverluste erlitten. In der Mast gab es mehr Probleme: Knapp 40 % der Tiere erlitten Längenverluste. Auch dabei konnte kein Unterschied zwischen den Rassen festgestellt werden (Abbildung 4). In der Kategorie „Schwanzverlust bis 1/3“ waren auch minimale Verluste von 1-2 cm enthalten, die nur durch genaues Hinsehen und Betasten festzustellen waren. Bei der Einordnung der Längenverluste ist auch zu beachten, dass die Buchten in den Leistungsprüfanstalten ursprünglich nicht für die Haltung von Langschwanztieren konzipiert waren. In anderen Versuchen (z. B. PigsWithTails, KoVeSch, GenEthisch) gab es ähnliche Häufigkeiten.
Kein Zusammenhang zwischen SINS und Längenverlusten
Im Gegensatz zu anderen Studien gab es im Projekt HeriSINS keine Hinweise darauf, dass SINS das Risiko für Schwanzverletzungen erhöht. Das konnte anhand der etwa 1.900 Endprodukt-Prüftiere, die als Saugferkel bonitiert wurden, festgestellt werden. Diejenigen Prüftiere, bei denen als Saugferkel SINS-Zeichen festgestellt wurden, hatten während der Stationsprüfung nicht mehr Schwanzlängenverluste als die Prüftiere, die als Ferkel ohne SINS-Zeichen waren.
SINS-Merkmale sind erblich
Die für die SINS-Zeichen geschätzten Erblichkeiten waren sehr uneinheitlich. Bei den einzelnen SINS-Zeichen war auch zwischen den Prüfarten bzw. über die Boniturzeitpunkte hinweg kein eindeutiges Muster zu erkennen. Eine Ausnahme bildete die Borstenlosigkeit bei den Piétrain-Nachkommen mit ungewöhnlich hohen Erblichkeiten sowohl bei Saugferkeln als auch in Aufzucht und Mast (Abbildung 5). Für das Merkmal Längenverlust wurden niedrige Erblichkeiten geschätzt, die bei den Endprodukten größer waren als bei den Mutterrassetieren. Allerdings konnten keine belastbaren genetischen Beziehungen zwischen SINS in der frühen Jugend und Schwanzverletzungen in Aufzucht und Mast geschätzt werden. Damit bestehen keine realistischen Aussichten, über eine Zucht auf weniger SINS-Zeichen bei Saugferkeln indirekt auch gegen Schwanzverletzungen in Aufzucht und Mast zu züchten. Positiv ist zu bewerten, dass kein offensichtlicher genetischer Zusammenhang zwischen SINS und den Wachstums- sowie Qualitätsmerkmalen Futterverwertung, Zunahme, Fleischanteil und Rückenmuskelfläche besteht.
Wie geht es weiter?
Auf der Basis der Ergebnisse des Projekts HeriSINS haben die EGZH und die beiden Besamungsstationen beschlossen, SINS-Merkmale bei Saugferkeln unter Tierwohl- und Gesundheitsaspekten in das bayerische Zuchtprogramm aufzunehmen. Allerdings muss zunächst die Infrastruktur für die Erfassung der Daten neu eingerichtet werden, weil, angestoßen durch den Neubau des Forschungs- und Prüfzentrums Schwarzenau (FPZ), ein modifiziertes Prüfkonzept eingeführt wurde. Auch das Schwanzbeißen soll auf jeden Fall ebenfalls im züchterischen Fokus bleiben. Die Vorbereitungen für ein neues Projekt zur Aufklärung des erblichen Hintergrunds von Verhaltensweisen beim Schwein sind angelaufen. Dazu wurde in den neuen Prüfställen im Forschungs- und Prüfzentrum Schwein am Staatsgut Schwarzenau bereits Kameras installiert, um später auf der Basis KI-gestützter Methoden das Verhalten der Prüftiere analysieren zu können.
Das Institut für Tierzucht der LfL bedankt sich bei den Projektbetrieben, bei den Mitarbeitern der BaySG Schwarzenau und Grub, bei den ÄELF-Mitarbeitern, bei den LKV-Ringberatern, bei den Besamungsstationen Bayern-Genetik und BVN sowie bei der EGZH – Sie alle haben zum Gelingen des Projekts beigetragen!
Dr. Jörg Dodenhoff und Dr. Dorothea Lösel, Institut für Tierzucht (ITZ), Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL)


