Interview mit Prof. Dr. Julia Steinhoff-Wagner, Leiterin der Professur für Tierernährung und Metabolismus an der Technischen Universität zu München
„Für die Forschung wichtig ist der Austausch mit der Praxis“
Prof. Dr. Julia Steinhoff-Wagner leitet seit vier Jahren die Professur für Tierernährung und Metabolismus an der Technischen Universität zu München (TUM). Ihre wissenschaftliche Laufbahn und Forschungsgebiete werden von der TUM wie folgt beschrieben: „Die Forschung von Prof. Steinhoff-Wagner (*1982) basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz und beschäftigt sich mit biologischen, technischen und organisatorischen Prozessen, insbesondere der Erfassung und Bewertung von Stoffkreisläufen von der Futtererzeugung bis zu Umwelteinträgen durch die ausgeschiedenen Produkte. Es adressiert die Herausforderungen für eine nachhaltigere Futter- und Lebensmittelproduktion über die gesamte Wertschöpfungskette, insbesondere unter Berücksichtigung des Wohls von Nutztieren und des Verbraucherschutzes.“ Ziemlich umfangreich und mit großer Relevanz, wie wir finden. Aus diesem Grund haben wir Julia Steinhoff-Wagner auch zum Interview eingeladen. Wir wollen wissen, welche Erkenntnisse sie und ihr Team gemacht haben, die für unsere Außendienstmitarbeiter, aber natürlich auch unsere Landwirte von Bedeutung sind.
Frau Steinhoff-Wagner, welche drei Themen haben für Sie aktuell die höchste Brisanz im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit?
Julia Steinhoff-Wagner: Meines Erachtens lässt sich mit Forschung besonders viel in drei Bereichen erreichen: Erstens im Bereich Jungtiergesundheit – meine Priorität liegt da vor allem bei Kälbern in der ersten Lebenswoche, zweitens im Umgang mit Ressourcen, zum Beispiel Wasser, und drittens im Bereich Verbraucherakzeptanz. Hier geben Verbraucherwünsche gute Anstöße, Prozesse zu hinterfragen. Die Wünsche sind jedoch als Forschungsaufträge zu verstehen, die wir als Wissenschaftler gerne annehmen. Fälschlicherweise wird manchmal angenommen, dass sich daraus für Landwirte ein Zwang zur Umsetzung jedes Wunsches ergibt. Das ist definitiv nicht so und genau diese Zielkonflikte zu erforschen, alle Facetten sichtbar zu machen, und dann entweder Landwirte vor ideologisch motivierten Vorgaben mit Hilfe wissenschaftlicher Evidenz zu beschützen oder mit Hilfe von Daten zu wissenschaftlich-begründeten Veränderungen zu motivieren, hat für mich heutzutage die größte Wichtigkeit.
Die oben genannte Beschreibung Ihrer Forschungsarbeiten ist sehr umfassend und verlangt sicher nach Zusammenarbeit mit verschiedensten Stellen. Welche Bedeutung haben Netzwerke und interdisziplinäre Kooperation für Sie?
Julia Steinhoff-Wagner: Ohne Netzwerke und Zusammenarbeit geht es nicht! An dieser Stelle freue ich mich sehr über den guten Kontakt zum LKV Bayern auf allen Ebenen und bedanke mich herzlich für die gute Zusammenarbeit. Das LKV hat ab meinem ersten Tag hier in Bayern alle meine Anliegen super unterstützt und zum erfolgreichen Gelingen von einigen Forschungsprojekten beigetragen. Interdisziplinäre Kooperationen sind ebenso wichtig, denn niemand kann alles. Und da stellen speziell die TU München beziehungsweise der Großraum München mit LfL, LGL, HSWT, LMU und weiteren Forschungseinrichtungen einen unglaublich großen und viele Bereiche abdeckenden Pool an Experten und Expertinnen für mögliche Zusammenarbeit bereit – man muss nur Kontakt aufnehmen und die tollen Chancen nutzen.
Welche Wege nutzen Sie, um Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis in die Wissenschaft zu holen und dann auch wieder zurückzugeben?
Julia Steinhoff-Wagner: Die beste Möglichkeit für den Austausch ist das Gespräch mit den Praktikern, als Vortrag oder auch einfach auf Betrieben selbst. Mir hilft dabei natürlich auch, dass ich in der Landwirtschaft aufgewachsen bin und einige unserer Studierenden aus der Landwirtschaft kommen. Klar, passiert es schon mal, dass man in Gesprächen als Theoretikerin von einem erfahrenen Landwirt oder einer erfahrenen Landwirtin fachlich zerlegt wird. Aus meiner Sicht muss man dieses Risiko aber unbedingt und häufig eingehen, weil sonst die Forschung an der Praxis vorbei erfolgt.
Welche Rolle spielen dabei Datenerfassung und -aufbereitung aber auch Wissenstransfer und Beratung durch das LKV Bayern?
Julia Steinhoff-Wagner: Als Wissenschaftlerin kann ich nie genug Daten bekommen, wohingegen nicht alle Daten auch für Praktiker einen sinnvollen Nutzen bringen. Das LKV Bayern hat dabei häufig eine zentrale Schnittstellenrolle zwischen Wissenschaft, Beratung und Praxis. Zum einen ist das Praxisnetzwerk des LKV Bayern sehr umfassend, was uns zum Beispiel beim Streuen unserer Umfragen über den Newsletter sehr hilft, zum anderen sammelt das LKV mit dem Probemelken und den zugehörigen Management-Software-Lösungen, wie zum Beispiel dem Herdenmanager und der LKV-Rind App, eine einzigartige empirische Datengrundlage, die Forschungseinrichtungen allein niemals so erzeugen könnten. Auch der regelmäßige Austausch mit den Beratern unterstützt uns, um beispielsweise an Projekten teilnehmende Betriebe zu finden oder um für uns die Rückmeldung aus der Praxis einzufangen.
Unser Titelthema des LKV Magazins ist den Frauen in der Landwirtschaft gewidmet. Deutschland beziehungsweise Bayern liegen beim Anteil BetriebsleiterINNEN deutlich unter dem Durchschnitt der Vereinten Nationen. Warum ist das Ihrer Meinung nach so, und was würde sich vielleicht verändern, wenn mehr Frauen die Betriebsleitung innehaben?
Julia Steinhoff-Wagner: Landwirtschaftliche Betriebe sind sehr oft familiengeführt und haben eine klassische Aufteilung. Der Mann kümmert sich laut Forschungsarbeiten um Finanzen und Technik, wohingegen Frauen die Pflegearbeit leiten. Die Pflege umfasst auf den landwirtschaftlichen Betrieben meist die eigenen Kinder, die Großelterngeneration sowie Jungtiere und kranke Tiere. Dementsprechend ist auf dem Papier der Betriebsleiter von landwirtschaftlichen Betrieben oft männlich, auch wenn Entscheidungen überwiegend gemeinschaftlich getroffen werden. Wird die Gleichberechtigung auf dem Papier umgesetzt, dann wird es häufig komplizierter – es müssen beide Personen zu Terminen erscheinen etc.; bei dem aktuellen Aufwand an Dokumentation in der Landwirtschaft wird kaum jemand freiwillig sich Mehraufwand aufladen, oder? Dazu kommt, dass der Umfang eines landwirtschaftlichen Jobs oft mehr ist, als ein Vollzeitjob und je mehr Arbeitszeit investiert wird, desto schwieriger wird die Vereinbarkeit von Job und Familie – zum Beispiel der Kinderbetreuung. Auch hier würden meines Erachtens mehr Wertschöpfung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und weniger Dokumentation helfen, Frauen zu motivieren, die Verantwortung zu übernehmen oder die Verantwortung, die sie schon tragen, auch offiziell zu bestätigen. Basierend auf dem, was wir aus der Forschung wissen, würden sich bei mehr Frauen in der Verantwortung etwas mehr die Prioritäten von Ökonomie und Technisierung zu den Pflege-assoziierten Aspekten, wie Tierwohl und Tiergesundheit verschieben. Was mich als Dozentin an der Universität besonders zuversichtlich macht, ist, dass die kommende Generation aus landwirtschaftlichen Betrieben erstens deutlich selbstständiger und zweitens auch belastungsfähiger als ihre Vergleichsgruppe ist, und da ganz selbstbewusste und fachlich-versierte Frauen aus der Branche nachwachsen und demnächst in den Arbeitsmarkt einsteigen.
Unabhängig vom Geschlecht, welche Eigenschaften müssen Betriebsleiter und -leiterinnen unbedingt haben?
Julia Steinhoff-Wagner: Reflexionsfähigkeit und Resilienz. Reflexionsfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, das eigene Denken, Fühlen, Handeln und dessen Auswirkungen bewusst zu betrachten, zu hinterfragen und daraus zu lernen. Wer nicht aus Fehlern lernen kann oder will, sollte nicht die Verantwortung für einen Betrieb tragen. Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen, also die Fähigkeit, Belastungen, Krisen oder schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, ohne langfristig Schaden zu nehmen.
Was denken Sie, wie sich die bayerische Landwirtschaft insbesondere die bayerische Nutztierhaltung in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird?
Julia Steinhoff-Wagner: Die Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe wird wahrscheinlich noch ein paar Jahre weiter sinken, insbesondere kleine Familienbetriebe ohne Hofnachfolge, Betriebe mit Anbindehaltung oder Hofstellen innerorts ohne Wachstumsmöglichkeiten. Dann werden wir einen Tiefpunkt beziehungsweise Wendepunkt erreichen, an dem die gesellschaftliche Einsicht kommt, wie wichtig Landwirtschaft und Nutztierhaltung für unsere Versorgung mit Lebensmitteln ist, und ich erwarte, dass die Wertschätzung wieder deutlich steigen wird. Nach der Theorie des Change Managements benötigt es für diese gesamtgesellschaftliche Einsicht meist einen Auslöser oder eine Krise, irgendetwas, was die Menschen wachrüttelt oder aus den oft romantisierten Traumvorstellungen reißt. Ich vermute, dass dieses Tal für alle mit Einschränkungen und Schmerzen für Landwirte und Verbraucher verbunden sein wird, aber um optimistisch zu bleiben, danach wird es sicher besser.
Was wollen Sie abschließend den Landwirten und Außendienstmitarbeitern des LKV Bayern mit auf den Weg geben?
Julia Steinhoff-Wagner: Wenn jede einzelne Person ihre Arbeit so gut wie möglich macht, und Zusammenarbeit aktiv gelebt wird, kann eine positive Zukunft am zügigsten erreicht werden. Ich freue mich auf das nächste Zusammentreffen und den Austausch!
Sonja Hartwig-Kuhn


