Suche

2026 ist das Jahr der Landwirtin: Arbeitskraft, Verantwortung, Unsichtbarkeit – Frauen in der Landwirtschaft

2026 ist das Jahr der Landwirtin: Arbeitskraft, Verantwortung, Unsichtbarkeit – Frauen in der Landwirtschaft

Frauen prägen die Landwirtschaft – ob im Stall, auf dem Feld oder im Büro. Sie managen Betriebe, kümmern sich um Vermarktung und Familie und halten so den Agrarsektor am Laufen. Dennoch wird ihre Arbeit oft übersehen – das zeigt unter anderem eine Studie des Thünen-Instituts aus dem Jahr 2022, die die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft umfassend untersucht hat.  Das Jahr 2026 soll das ändern: Die Vereinten Nationen haben es zum „Internationalen Jahr der Landwirtin“ erklärt, um die Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft sichtbar zu machen und ihre Bedeutung zu würdigen.

Frauen prägen die Landwirtschaft in Deutschland auf vielfältige Weise. Sie arbeiten in den Betrieben mit, übernehmen Verantwortung in der Betriebsführung, engagieren sich in Familien- und Care-Arbeit und tragen wesentlich zur Entwicklung ländlicher Räume bei. Dennoch bleibt ihr Beitrag häufig unsichtbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Thünen-Instituts von 2022, die erstmals seit der Wiedervereinigung umfassend die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der deutschen Landwirtschaft untersucht hat. Gefördert vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) und unterstützt vom Deutschen LandFrauenverband e. V. (dlv), haben Wissenschaftlerinnen des Braunschweiger Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft und des Lehrstuhls für Soziologie Ländlicher Räume der Universität Göttingen über drei Jahre lang Daten zusammengetragen und Landfrauen befragt.

Landwirtinnen meistern häufig Doppelbelastungen aller Art. Franziska Aumer, Gründerin der „AckerSchwestern“, verbindet ihre Arbeit als Landwirtin mit ihrem Beruf als Softwareentwicklerin und Autorin, landwirtschaftlichem Ehrenamt, Büro und Haushalt. Fotos: Aumer

Wichtige Rolle – aber geringe Sichtbarkeit

Die Untersuchung zeigt deutlich: Frauen sind in landwirtschaftlichen Betrieben in sehr unterschiedlichen Rollen aktiv. Sie übernehmen organisatorische Aufgaben, arbeiten in der Produktion mit, engagieren sich in der Direktvermarktung oder entwickeln neue Einkommensquellen für den Betrieb. Trotz dieser vielfältigen Leistungen werden viele ihrer Tätigkeiten in offiziellen Statistiken kaum abgebildet.

So wird beispielsweise die faktische gemeinsame Betriebsführung von Ehe- oder Lebenspartnern in Deutschland statistisch nicht erfasst – anders als in vielen anderen Ländern. Auch detaillierte Daten zur Verteilung landwirtschaftlichen Grundbesitzes fehlen ebenso wie belastbare Informationen zum so genannten Gender Care Gap – dem Unterschied in der Zeit, die Frauen und Männer für unbezahlte Sorgearbeit aufwenden – oder zum Gender Pay Gap, also der durchschnittlichen Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in der Landwirtschaft.

Deutschland im europäischen Vergleich hinten

Die Studie macht zudem deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit weiterhin eine zentrale Herausforderung für die Landwirtschaft darstellt. Nur etwa 11 % der landwirtschaftlichen Betriebe werden von Frauen geleitet. Auch bei der geplanten Hofnachfolge liegt der Frauenanteil mit rund 18 % vergleichsweise niedrig. Damit befindet sich Deutschland im europäischen Vergleich auf den hinteren Plätzen. Bestätigt werden diese Zahlen auch durch die letzte Agrarstrukturerhebung 2023, die die geringe Zahl weiblicher Führungskräfte in der deutschen Landwirtschaft dokumentiert. Im EU-weiten Durchschnitt liegt der Anteil von Frauen in landwirtschaftlichen Führungspositionen bei rund 32 % (Eurostat, 2020). Spitzenreiter sind Lettland und Litauen mit jeweils 45 %, während die Niederlande mit nur 6 % das Schlusslicht bilden.

Ein Grund dafür sind strukturelle Barrieren: Traditionelle Geschlechterrollen und überlieferte Vererbungsmuster erschweren vielen Frauen in Deutschland den Zugang zur Betriebsleitung. Auch die Neugründung landwirtschaftlicher Betriebe gestaltet sich für Frauen häufig besonders schwierig.

Unsichere soziale Absicherung

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die soziale Absicherung. Viele Frauen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten, sind nur unzureichend für Alter oder Krisensituationen abgesichert. Besonders im Fall von Scheidung, Trennung oder dem Tod der Betriebsleitung können erhebliche finanzielle Risiken entstehen. Auch im Bereich der Gesundheitsvorsorge zeigt die Thünen-Studie Schwachstellen.

Erste positive Entwicklungen

Trotz dieser Herausforderungen erkennt die Untersuchung auch erste positive Trends. Der Anteil von Frauen in der Hofnachfolge steigt langsam, und es gibt zunehmend Frauen, die eigenständig landwirtschaftliche Betriebe gründen oder neue Betriebszweige aufbauen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie sehen darin ein vorsichtiges Signal für einen Wandel – vorausgesetzt, strukturelle Hindernisse werden weiter abgebaut und die Leistungen von Frauen in der Landwirtschaft stärker sichtbar gemacht.

Frauen übernehmen in der Landwirtschaft vielfältige Aufgaben und leisten dabei einen erheblichen Arbeitsanteil.

Weitere Zahlen

Auch andere Daten verdeutlichen, dass echte Gleichberechtigung im landwirtschaftlichen Sektor noch nicht erreicht ist. So teilt das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft Ende Januar 2026 mit, dass in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 876.000 Menschen in der Landwirtschaft arbeiten. Nur etwa 310.000 oder 35 % davon sind Frauen (Stand 2023). Damit ist der Frauenanteil in der Landwirtschaft deutlich unter dem Durchschnitt aller Berufssparten in Deutschland, der bei rund 47 % liegt (Stand 2023).

Im landwirtschaftlichen Ausbildungsbereich fällt der Frauenanteil noch niedriger aus. 2024 lag er bei knapp 26 % und ist damit über die vergangenen Jahre relativ konstant geblieben, so das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft weiter. Besonders hoch ist der Anteil weiblicher Auszubildender in Agrarberufen wie Hauswirtschafter/in (100 %) und Pferdewirt/in (88 %). Sehr niedrig ist er hingegen bei der Ausbildung zur Fachkraft Agrarservice (4,5 %). In der klassischen Ausbildung zur Landwirtin/zum Landwirt liegt der Frauenanteil bei 23 %, zeigt aber eine steigende Tendenz – im Jahr 2005 waren es noch weniger als 9 %.

Fazit

Die Zahlen und Ergebnisse zeigen deutlich: Frauen leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Landwirtschaft – oft unter Bedingungen, die ihre Arbeit unsichtbar machen und ihre Chancen einschränken. Das Internationale Jahr der Landwirtin 2026 bietet die Gelegenheit, diese Leistungen stärker sichtbar zu machen, strukturelle Hürden abzubauen und die Gleichberechtigung im Agrarsektor weiter voranzutreiben.

 

Jutta Maria Witte

Kommentar von Franziska Aumer, Landwirtin aus Altomünster, Gründerin der AckerSchwestern und AckerRose, Autorin & Speakerin mit Fokus auf faktenbasierte Wissenschaftskommunikation rund um landwirtschaftliche Themen

 

„2026 – das Jahr der Landwirtin. Zeit, dass sich was dreht?! Aber wo haben wir überhaupt noch Potenzial zur Verbesserung?

Dass der Leidensdruck in unserem Berufsstand oftmals sehr hoch ist – insbesondere in Bezug auf Angstattacken, Depressionen und Burnout – ist den meisten von uns bewusst. Dass dabei aber auch noch das Geschlecht einen wesentlichen Unterschied macht, ist wenig bekannt. Frauen in der Landwirtschaft leiden signifikant häufiger unter Burnout und Angst als ihre männlichen Kollegen (ROTH, 2021, Quelle siehe ackerrose.de). Doch warum? Ein kleines Beispiel dazu: Die Familie wird zum 60. Geburtstag eingeladen – in der Regel gibt es dabei zwei klare Fraktionen: Der eine Teil freut sich einfach auf eine schöne Feier – das war‘s. Und der andere Teil? Der besorgt und verpackt das Geschenk, organisiert das Essen, sorgt sich um die passende Kleidung, erinnert mehrfach an den Termin – und kümmert sich schlussendlich nicht nur um den Partner, sondern auch gleichermaßen um die Kinder und deren Bedürfnisse und „Baustellen“.

 

Franziska Aumer Foto: privat

Das ist „Mental Load“ – die unsichtbare Last, der man ausgesetzt ist, wenn man die alleinige Verantwortung für Organisation und Planung tragen muss. Es ist etwas, was man erst bewusst erkennen muss, um es teilen zu können. Trägt die Verantwortung auf Dauer nur eine Seite in der Partnerschaft und Familie, so ist es eine enorme Belastung und führt zu (chronischem) Stress. Welcher sich in körperlichen, aber auch psychischen Symptomen zeigt.

Ein weiteres Problem ist die unbezahlte und oft wenig geschätzte „Care Arbeit“. Dazu zählt die Pflege der Altenteiler, die Kinderbetreuung, Haushalt, ehrenamtliche Tätigkeiten etc. – zusätzliche Belastungen zu den ohnehin umfangreichen Aufgaben in der Innen- und Außenwirtschaft. Was das bedeutet, sehen wir auf unseren Höfen jeden Tag. Die Frauen auf den Betrieben managen oft so viele Aufgaben und Themen gleichzeitig, dass es nicht ohne Folgen bleiben kann. In der Regel vernachlässigt man sich selbst als erstes. Die eigenen Hobbys, Interessen, Freunde, die Partnerschaft… Dadurch entsteht leicht der Einstieg in einen Burnout.

So wie es selbstverständlich für Frauen ist, sich den Aufgaben der Innen- und Außenwirtschaft zu stellen, so sollte es auch für die Partner selbstredend sein, dass man sich bei Care Arbeit und Mental Load ebenso beteiligt. Denn am Ende lebt nicht nur der Betrieb von Zusammenhalt und Zusammenarbeit, sondern auch eine gute Partnerschaft und eine starke Familie.“

  • Weitere Infos zum Thema finden Sie auf der Website von Franziska Aumer unter https://ackerrose.de/Burnout-und-Depression.html

Erste Hilfe für Betroffene in Bayern

 

MontagsTelefon:

Das helfende Gespräch für Menschen in landwirtschaftlichen Familien

Zuhören, ermutigen, da sein – das bietet das MontagsTelefon an. Verständnisvolle Gesprächspartner können entlasten, manchmal entscheidende Impulse zur Selbsthilfe geben und den Blick für neue Perspektiven öffnen. Immer montags unter der Telefonnummer 0800 / 1311310 von 9.00 bis 13.00 Uhr und von 16.00 bis 20.00 Uhr ist die Möglichkeit gegeben, mit jemandem über die eigenen Sorgen und Gedanken ins Gespräch zu kommen. Sorgen in der Partnerschaft, im Betrieb, Einsamkeit, Überlastung, Ängste – die Themen, mit denen sich Hilfesuchende an das MontagsTelefon wenden, sind so unterschiedlich wie das Leben selbst. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Hotline können zwar nicht direkt helfen, aber sie können zuhören und Impulse geben – manchmal dauert ein Gespräch bis zu einer Stunde.

Am MontagsTelefon sitzen eigens für dieses Angebot qualifizierte Bäuerinnen und Bauern aus landwirtschaftlichen Familien am Telefon. Die Gespräche werden anonym geführt, daher sind auch keine Rückrufe vorgesehen. Das Angebot unter der Nummer 0800 131 131 0 ist kostenfrei.

Aktuelles VOM lkv bayern

Das LKV in zahlen